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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : MRSA auf ICU-oder gibts da viel BÖSERE?



topolina
20.10.2007, 00:00
Hallo Leute!

Ich hätt da mal so eine länderübergreifende (Deutschland - Österreich)Frage: Wie habt ihr es denn bei Euch auf den Stationen mit MRSA Infektionen. Wenn Sie ein Patient hat, fallen sie dann überhaupt noch ins Gewicht? Wie geht ihr damit um?

Ich frage nur, weil das Thema mal wieder bei uns auf der Station brennt. Wir schenken dem Typen Mr. MRSA eigentlich kaum noch Beachtung weil es viel Bösere Keime mitlerweile gibt, die uns heimsuchen (Klebsiellen, Serratia...)

Viele liebe Grüße aus dem Land wo die Schluchtensch.... wohnen, die Almen grün sind und Intensivschwestern in der Freizeit Jodeln....:jubel: :jubel:

Monty
20.10.2007, 00:22
Prävention von Neubesiedlung und Infektion durch andere resistente Keime (Acinetobacter baumannii, ...) unterscheidet sich ja bezüglich der hygienischen Maßnahmen ja nicht wesentlich. Warum soll man dann denn mit einem Staph. aureus lockerer umgehen als mit "neuen" Problemkeimen?

Stellt sich auch die Frage ob Infektion oder reine Besiedlung.

Anders umgehen? Sicher nicht. Aus einer Besiedlung kann immer auch ne Infektion geschehen, um wenn ich den MRSA als Besiedlungskeim nicht mehr ernst nehme, beißt er mich irgendwann als Infektionskeim in den Arsch. Und zwar nicht nur in wenigen Fällen, sondern in deutlich mehreren.

Gruß,
Monty

FireBIPAP
20.10.2007, 02:45
Hallo!

Also wir haben neuerdings eine schriftliche Anordnung von der Hygienekommission die besagt: "...nur noch ein Nasenabstrich...."
Oder anders gesagt: Wer weniger abstreicht der hat auch weniger Fälle.
Den besagten "baumanii..." hatten wir auch schon, war aber nicht isolationspflichtig. (Laut Hygienefachkraft).
ESBL-Bildner isolieren wir wie MRSA.

Grüße von da wo Vanco die Standardantibiose ist (naja, fast).

Cu Simon

WomBat
20.10.2007, 11:29
Relax! Beruhige Dich!

http://www.loegd.nrw.de/1pdf_dokumente/5_hygiene_infektiologie/krankenhaushygiene/afoeg&loegd_0612/schroeter_061206duesseldorf_infektionsgefahren-durch%20neue-erreger.pdf


Siehe Cartoon auf letzter Seite = 51 (notfalls auch den ganzen Bericht lesen)

WomBat

Randbayer
20.10.2007, 12:54
Hallo Topolina!

Wir behandeln alle MRSA-Pat. gleich und alle werden natürlich isoloiert. Die Anzahl der mehrfachresistenten Keime nimmt immer mehr zu und ist so eine Herausforderung für die Pflege und Medizin, besonders in der Intensivmedizin. Besonders für kritischkranke Intensivpatienten stellen solche Keime ein Risiko dar.
Grundlegend müssen hygienische Grundprinzipien eingehalten werden um eine Verschleppung oder Eskalation der Situation zu vermeiden. Von ärztlicher Seite muss eine gezielte Antibiotikatherapie erfolgen. Unabhängig von welchem Keim man spricht muss man eben sehr sensibel umgehen. Tut man das nicht, relax and see (Klasse WomBat). Eine Resignation verschlechter ehr die Situation als, dass es besser wird.

http://forum.zwai.net/showthread.php?t=203&highlight=mrsa

http://forum.zwai.net/showthread.php?t=725&page=3&highlight=mrsa

http://forum.zwai.net/showthread.php?t=1205

http://forum.zwai.net/showthread.php?t=1073

Gruß der Randbayer

topolina
20.10.2007, 18:21
Danke für Eure regen Antworten. Jaja, die Keime. Ihr werdet lachen: Wir isolieren weder MRSA noch sonst was, auch isolieren wir nicht einmal Verbrennungspatienten, da wir die Erfahrung gemacht haben, dass es abolut nichts bringt.

Aber wo kein Kläger da auch kein Richter, freuen tut mich die ganze Situation nicht.

Duesi
21.10.2007, 00:52
Nabend...

Diese nervige MRSA Geschichte....Nichts ist lästiger als die Iso u. Betreuung eines ORSA Pat. ! Wir isolieren auch mit allem drum u. dran.
England u. auch andere Europäische Lander haben es längst aufgegeben den sog. Problemkeim zu bekämpfen. Zu hohe Zahlen, zu hohe Kosten u. im Endeffekt keine Konsequenz.
Ist auch wieder mal witzig, dass das Regime bei MRSA immer mit der zuständigen Hygienekraft zusammenhängt.
Eine vernünftige Händedesinf. ist das A u. O u. in meinen Augen auch ausreichend.
Zudem werden ORSA Pat. laut einer eindrucksvollen Statistik immer schlechter versorgt, als nicht isolierte Pat. Kittel, Mundschutz, Haube...ist für manchen Mediziner einfach zu viel. Da guckt man doch lieber durch die Scheibe u. die Körperliche Untersuchung fällt hinten runter.
Mein Fazit:
Ich halte die strikte Isol. für überholt u. nicht zeitgerecht.
U. dass es jetzt nur noch ein Nasenabstrich sein soll sagt doch wohl alles, oder?!!!

Angenehme Nachtruhe....

Elisabeth
21.10.2007, 12:46
Wie kommt der Keim von A nach B? Nur über die Hände?

Elisabeth

Randbayer
21.10.2007, 13:01
Gute Frage!

Wissen ist Macht und nichts wissen macht auch nichts.

Das denken wohl immer noch viele.

Gruß der Randbayer

Elisabeth
21.10.2007, 13:56
Staphylococcus aureus: Epidemiologie und Ökologie
Staphylococcus aureus ist ein gram-positives, fakultativ anaerobes, unbeweg-liches Bakterium, welches den Micrococcaceae zugeordnet wird (51, 65). Die circa 1 μm im Diameter großen Kokken bilden traubenförmige Einheiten (101).

Das natürliche Reservoir von S. aureus ist der Mensch, vorzugsweise der Nasenrachenraum und seine unmittelbare Umgebung (65).

Die Pathogenität von S. aureus lässt sich durch seine große Widerstandsfähigkeit und seine Anpassungsfähigkeit an den Wirt erklären. S. aureus kann große Temperatur-schwankungen überleben. Ein Zellwachstum findet zwischen 10 und 45°C noch statt. Seine Stabilität gegenüber Trockenheit erklärt den Nachweis von S. aureus außerhalb des menschlichen und tierischen Organismus. S. aureus kann in der Luft, im Staub, auf Textilien und trockenen Oberflächen relativ lange persistieren.
...
Durch S. aureus-Träger im Krankenhauspersonal oder im Patientenkollektiv kann der Keim aerogen oder durch Hautkontakt auf andere Patienten übertragen werden (11, 45, 92). Trotzdem wird angenommen, dass bei den meisten, durch S. aureus verursachten Infektionen, eine endogene Infektion aus dem eigenen Reservoir, ausgehend von dem Nasen-Rachenraum, vorliegt (44, 97).
http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=974449369&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=974449369.pdf

Wissen ist Macht und nichts wissen bedeutet hier: potentielle Gefahr für den Patienten.

Elisabeth

WomBat
21.10.2007, 23:54
Dazu kommt noch folgendes...

Wie lange überleben Infektionserreger auf unbelebten Flächen?

http://www.dgkh.de/
siehe Presseinformationen für:
Zusammenfassung von Kramer A, Schwebke I, Kampf G.
How long do nosocomial pathogens persist on inanimate surfaces? A systematic review.
BMC Infect. Dis. 2006; 6: 130.

"Die meisten Infektionserreger wie Bakterien, Pilze oder Viren können auf unbelebten Flächen mehrere Monate überleben und somit eine Quelle für vermeidbare nosokomiale Infektionen darstellen. In dieser Übersicht wird auf Basis der wissenschaftlichen Literatur beschrieben, welche Krankheitserreger wie lange auf unbelebten Flächen persistieren können und welche Faktoren die Persistenz beeinflussen."

zum Artikel:
http://www.biomedcentral.com/content/pdf/1471-2334-6-130.pdf
Siehe Seite 3 für Tabelle "wie lange überleben Infektionserreger..."

Und dann wollen die Tupfer-und-Stöpsel (rote) -Zähler an den Reinigungsdiensten (auch noch) sparen....

Prosit :schock: potentielle Patienten! WomBat

arnold kaltwasser
23.10.2007, 13:35
am Rande:
die Gefahren auch ohne MRSA lauern überall;)

http://magazine.web.de/de/themen/gesundheit/ernaehrung/gesund-ernaehren/4822146-Versteckte-Keime,articleset=1509362,page=0.html

so long arnold

zwai
04.08.2009, 13:55
Der Kampf gegen den Keim ist fast gewonnen
Acinetobacter-Ausbruch auf der Intensivstation des Marienhospitals.
Bakterium ist für gesunde Menschen eher harmlos.

Jedes Jahr sterben mehrere tausend Menschen an Krankenhausinfektionen. Hundertausende immungeschwächte Patienten infizieren sich. Die Erreger sind entweder körpereigene Keime oder Umweltkeime wie das multiresistente Bakterium Acinetobacter – ein stäbchenförmiges Bakterium, das ursprünglich als Wasserkeim bekannt war. Das Herner Marienhospital meldete dem Gesundheitsamt nun einen Ausbruch des Keims.
>>> weiter bei derwesten.de >>> (http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/herne/2009/8/3/news-128131411/detail.html)

fridolin
04.08.2009, 15:31
Hi @all,
auch bei uns treten zunehmend Patienten mit aderen Infektionen auf, die schwer zu therapieren sind.
Neben MRSA und VRE (Vancomycinresistente Enterokokken) ist dies in erster Linie zur Zeit ESBL (extended-spectrum beta-lactamase), gut beschrieben unter http://www.fennerlabor.de/uploads/media/ESBL_01.pdf.
Vielleicht sollten die Krankenhäuser vermehrt Wert auf Schulungen in den Punkten Hygiene und Antibiotikaeinsatz legen, denn hier schein das eigentliche Problem zu liegen.
Viele liebe Grüße
fridolin

Monty
05.08.2009, 01:50
Bei uns gehören Hygiene-Fortbildungen mittlerweile zum festen Terminplan.
Und es zeigt auch Wirkung, weniger Kreuzinfektionen, weniger Neubesiedlungen, feste Standards bei Mensch und Material.

MRSA ist mittlerweile nicht mehr das große Thema, multiresistente Acinetobacter, ESBL-Bildner und resistente Pseudomonaden werden eher mehr.

Und ich bin froh, daß sich unsere Ärzte damit echt auseinander setzen (Fortbildungen, Weiterbildung zum Infektiologen, offenes Thematisieren). Wir haben gute Hygienepläne, bei denen sogar aufgrund der guten Ergebnisse übertriebene Vorkehrungen zurückgeschraubt werden können und dürfen.

Letztes Jahr hatten wir auch mehrmals resistente Acinetobacter, die echt Probleme machten. Wir könnten das aber gut eindämmen.

Ein großes Problem bleibt momentan nur, daß PCR-Schnelltests auf MRSA zu Auflösung einer vorsorglichen Isolierung führten, aber die restlichen normalen Abstriche und Antibiogramme andere resistente Keime erst nach 24-48h brachten. Trotzdem passiert nicht viel, auch in Mehrbettzimmern. Ich schätze aufgrund der guten und praxisnahen Schulung mit dem Hauptaugenmerk auf die ständige Händedesinfektion. :bravo:


Keimfreien Gruß,
Monty

fridolin
05.08.2009, 10:58
Lieber Monty,
Schulungen und Hygienepläne gibt es bei uns auch.
Leider kommt es in den Köpfen nicht an...

[Habe gerade einen ZVK-Verband der dritten Art erlebt (Kollege ist Fachweitergebildet) - bei dem Kollegen sind Hände- und Hautdesinfektion sowie steriles Arbeiten offenbar Fremdworte...]

Meine Überzeugung ist, dass es erst im Kopf "klick" gemacht haben muss, ehe sich etwas ändert - und dies sehe ich leider bei den Berufgruppen Pflege und Ärzte noch nicht - abgesehen von löblichen Ausnahmen.
Also kämpfen wir weiter mit Iso-Patienten, ESBL und Co.
Viele liebe Grüße
fridolin

Monty
05.08.2009, 11:11
Hallo Fridolin,

ja das "Klick"-Erlebnis im Kopf, das ist es! Bei uns macht die Pflege gemeinsam mit der Hygienefachkraft die Fortbildungen und das sehr praxisnah. Die haben sich die Mühe gemacht, anhand der DNA-Bestimmungen mehrerer Kreuzinfektionen den Verbreitungsweg innerhalb eines Mehrbettzimmers zu zeigen. Oder Abklatschuntersuchungen der Oberflächen in einem Isozimmer. Da kannst du sehr realistisch nachvollziehen, wo da überall hingefaßt wurde, wo man eigentlich mit benutzten Handschuhen nicht hinfassen sollte.
Kollegen mit Zahlen über Infektionen, Kosten und Mortalitätsstatistiken konfrontieren nützt nicht viel, daß kennen schon viele oder interessiert die nicht. Wo sie aber überall ihre Finger dran haben und was da so alles drauf haftet, da kriegen sie das Grausen. Mit dem Effekt, daß die Hände öfters desinfiziert werden. Das hat echt Wirkung, auf mich auch. Hab auch einiges außer acht gelassen. Jetzt weiß ich, wo der Feind überall haften kann.

Als Beispiel:
Skizze eines Pat.-Zimmers mit Wäscheabwurf, Beatmungsgerät, Monitoring, Beistelltisch, Handschuhbox, Türklinken, ... und überall Namen und Zahl der Keime. Das wirkt!

Ist ne ganz schöne Arbeit, aber scheint sich zu lohnen.

Keime ade, Desinfektion juhee! :mosh:

Monty